Früher war die Sache eigentlich ziemlich klar: LEGO war für Kinder. Man bekam zum Geburtstag eine neue Schachtel, setzte sich auf den Boden und baute daraus ein Auto, ein Raumschiff oder ein Haus, das meistens nach kurzer Zeit wieder auseinandergebaut wurde, weil man aus den vorhandenen Steinen etwas Neues bauen wollte. Wenn ein Erwachsener freiwillig mehrere Stunden mit kleinen Plastiksteinen verbrachte, hätte man das wahrscheinlich eher als ungewöhnlich bezeichnet.
Heute sieht die Welt etwas anders aus. In den Regalen findet man zunehmend Sets mit mehreren tausend Teilen, teils extra für ein erwachsenes Publikum konzipiert: detailgetreue Autos, berühmte Gebäude, Filmwelten und ganze Szenen, an denen man nicht eine halbe Stunde, sondern durchaus mehrere Stunden oder Tage baut. Auch andere Hersteller von Klemmbausteinen bringen immer aufwendigere Modelle heraus – etwa der Sportwagen Aventador SVJ mit über 1'600 Teilen und echter Fernbedienung, oder liebevoll gestaltete Gebäude-Sets mit winzigen Details bis in die letzte Ecke. Und es scheint einiges dafür zu sprechen, dass nicht wenige Erwachsene diese Modelle nicht nur kaufen, sondern auch tatsächlich bauen.
Wir haben es nicht neu entdeckt, wir haben es mitgenommen
Das Interessante daran ist, dass diese Entwicklung wahrscheinlich viel weniger überraschend ist, als sie auf den ersten Blick aussieht. Die Erwachsenen, die heute solche Modelle kaufen, sind nicht plötzlich auf die Idee gekommen, dass Klemmbausteine ein tolles Hobby sein könnten. Viele von ihnen kennen das schon seit ihrer Kindheit. Sie sind damit aufgewachsen.
Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen den Generationen. Unsere Eltern hatten in ihrer Kindheit teilweise gar keinen Zugang zu den Dingen, die für uns später völlig selbstverständlich wurden. Wir dagegen sind mit LEGO, Nintendo, Game Boy, PlayStation und später mit Online-Games aufgewachsen. Wir haben Nachmittage damit verbracht, Welten zu bauen oder zu erkunden. Und dann wurden wir irgendwann erwachsen: Arbeit, vielleicht eine Familie, Termine, Verpflichtungen, Rechnungen.
Aber warum sollte eigentlich das verschwinden, was uns früher Freude gemacht hat?
Die Generation, die mit diesen Dingen aufgewachsen ist, ist mittlerweile erwachsen und hat ihre Interessen einfach mitgenommen. Nur das Umfeld hat sich verändert. Aus dem kleinen Set für 30 Franken wurde vielleicht ein grosses Modell mit 3'000 Teilen, aus dem Spiel auf dem Game Boy eine riesige virtuelle Welt auf der Konsole. Das Prinzip dahinter ist aber erstaunlich ähnlich geblieben: Man beschäftigt sich mit etwas, das einen interessiert, taucht darin ein und vergisst dabei vielleicht sogar ein bisschen die Zeit.
Bauen statt fertig sein
Gerade bei Klemmbausteinen kann man diesen Wandel besonders gut beobachten. Früher war das Ziel oft, möglichst schnell etwas fertigzubauen und danach damit zu spielen. Bei den heutigen Erwachsenen-Sets ist das Bauen selbst häufig der eigentliche Teil des Hobbys. Man möchte gar nicht unbedingt nach 30 Minuten fertig sein – im Gegenteil: Je aufwendiger das Modell, desto länger kann man sich damit beschäftigen. Man sitzt am Abend am Tisch, baut ein paar Stunden, macht am nächsten Tag weiter und sieht langsam, wie aus hunderten oder tausenden Einzelteilen etwas entsteht, das vorher nur auf der Verpackung existiert hat.
Wir verbringen einen grossen Teil unseres Tages damit, auf Bildschirme zu schauen, Nachrichten zu beantworten, E-Mails zu lesen, zwischen Aufgaben zu wechseln. Ein Klemmbaustein-Modell funktioniert dagegen erstaunlich simpel: Vor einem liegt ein Haufen Teile und eine Anleitung. Man sucht das richtige Teil, steckt es zusammen und macht weiter. Keine Push-Nachricht, keine E-Mail, keine Werbung. Man ist einfach mit der Sache beschäftigt, die gerade vor einem liegt.
Das Gleiche kann beim Gaming passieren. Auch wenn ein Computerspiel natürlich ebenfalls auf einem Bildschirm stattfindet, kann es einen ganz ähnlich aus dem Alltag herausnehmen. Wer schon als Kind gespielt hat, kennt dieses Gefühl wahrscheinlich noch: Man startet ein Spiel, und plötzlich sind zwei Stunden vergangen.
Warum wird das eine akzeptiert und das andere hinterfragt?
Eigentlich ist es interessant, wie unterschiedlich wir Freizeitaktivitäten bewerten. Wenn ein Erwachsener am Wochenende zwei Stunden Fahrrad fährt, einen Oldtimer restauriert oder einen Marathon trainiert, wird das normalerweise als Hobby akzeptiert. Wenn jemand dagegen drei Stunden an einem Klemmbaustein-Modell baut oder ein Computerspiel spielt, wird manchmal immer noch gefragt, ob das nicht etwas für Kinder sei. Dabei steckt hinter beidem letztlich dasselbe Bedürfnis: Man möchte etwas tun, das einem Freude macht und bei dem man für eine Weile in einer anderen Welt sein kann.
Und vielleicht kommt bei diesen Hobbys noch etwas anderes dazu: Erinnerungen. Ein bestimmtes Modell kann einen sofort an das Kinderzimmer von früher erinnern, an einen Nachmittag bei einem Freund vor der Konsole. Eine Figur, ein Fahrzeug oder eine Filmwelt kann Erinnerungen auslösen, die viel älter sind als das Produkt selbst – etwa ein Hogwarts-Holzbausatz, der bei der Harry-Potter-Generation genau diesen Nerv trifft. Vielleicht kaufen Erwachsene deshalb manchmal Dinge, die sie schon als Kinder geliebt haben. Nicht weil sie wieder Kinder sein möchten, sondern weil sie einen Teil dieser Zeit immer noch mögen.
Erwachsen sein heisst nicht, alles abzulegen
Erwachsen zu sein bedeutet nicht, dass man alles aus seiner Kindheit ablegen muss. Wir müssen unsere alten Interessen nicht wegwerfen, nur weil wir älter geworden sind. Im Gegenteil: Vielleicht können wir sie heute sogar auf eine ganz andere Art geniessen. Ein Kind baut ein Auto und fährt damit über den Wohnzimmerboden. Ein Erwachsener baut einen detailgetreuen Sportwagen und stellt ihn anschliessend ins Regal. Beides hat seinen eigenen Reiz. Nur das Modell und die Art, wie man damit umgeht, haben sich verändert.
Das beschränkt sich längst nicht mehr auf klassische Klemmbausteine. Dazu kommen Holzmodelle wie der EWA Cruiser, Book Nooks, Knobelspiele wie der Zauberwürfel und andere Dinge, bei denen nicht unbedingt das fertige Produkt im Mittelpunkt steht, sondern der Weg dorthin. Übrigens: Auch der klassische Zauberwürfel erlebt gerade ein riesiges Comeback bei Erwachsenen – wer Lust hat, wieder reinzukommen, findet in unserer Zauberwürfel-Kategorie das passende Modell dazu, und in unserer Lösungsanleitung für Anfänger die passende Anleitung.
Vielleicht ist genau das der gemeinsame Nenner: Wir verbringen unsere Zeit nicht nur damit, etwas anzuschauen, sondern wir machen selbst etwas. Wir bauen, probieren aus, suchen nach Lösungen und sehen am Ende, was daraus geworden ist. In einer Welt, in der sehr vieles digital, schnell und jederzeit verfügbar ist, kann es überraschend angenehm sein, wieder einmal etwas ganz Einfaches zu machen. Ein Teil nach dem anderen. Ohne Eile. Ohne Benachrichtigung. Ohne den Anspruch, dass am Ende mehr herauskommen muss als ein paar Stunden, die Spass gemacht haben.
Wir müssen nicht aufhören zu spielen, nur weil wir erwachsen geworden sind. Wir müssen auch nicht jedes Hobby rechtfertigen oder daraus etwas Produktives machen. Manchmal darf etwas einfach Spass machen.
Wir sind erwachsen geworden. Aber ein Teil von uns hat offenbar nie vergessen, wie schön es sein kann, einfach etwas zu bauen und für ein paar Stunden die Welt um sich herum zu vergessen.