„Du bist jetzt der böse Zauberer!"
Mein Kind schaut mich erwartungsvoll an.
Und ich stehe da und denke: Und jetzt?
Als Kind wäre mir das nie passiert. Da hätte ich sofort eine Stimme aufgesetzt, mir einen Namen ausgedacht und innerhalb von zwei Minuten eine ganze Geschichte drumherum gebaut. Heute brauche ich gefühlt einen Anlauf dafür.
Das lässt mich nicht ganz los. Ich war schliesslich selbst mal Kind. Eigentlich müsste ich das doch noch können.
Früher hat man einfach angefangen
Als Kind brauchte man erstaunlich wenig, um loszulegen.
Ein Karton wurde zum Raumschiff. Eine Decke zur Höhle. Zwei Stühle zum Zug. Ein Stock zum Schwert.
Und wenn gerade keine Idee da war, kam spätestens nach fünf Minuten die nächste. Man hat nicht lange überlegt, was man spielen könnte – man hat einfach gespielt.
Heute läuft das bei mir anders ab. Kommt mein Kind mit "Komm, wir spielen" um die Ecke, freue ich mich sofort. Sobald ich aber selbst in eine Rolle schlüpfen soll, merke ich, wie eingerostet das Ganze ist.
"Du bist der Drache."
Gut. Und was macht so ein Drache jetzt? Was sagt er? Wie geht's weiter?
Mein Kind hat die Antwort meistens schon parat. Ich nicht.
Die Fantasie ist nicht weg – wir nutzen sie nur kaum noch
Ich glaube nicht, dass uns als Erwachsene die Fantasie einfach abhandenkommt. Wahrscheinlicher ist: Wir setzen sie viel seltener ein.
Als Kind mussten wir uns unsere Unterhaltung selbst zusammenbauen. Es gab nicht für jede freie Minute einen Bildschirm, keine endlose Serienauswahl, keine Videos, die von selbst weiterlaufen, keine Spiele, die einem eine fixfertige Welt mit Figuren und Regeln vorsetzen. Wir mussten selbst etwas daraus machen – und haben es getan.
Heute kommt Unterhaltung meistens fix und fertig an. Wir müssen nur noch aussuchen.
Was schauen wir? Was hören wir? Was spielen wir? Was machen wir heute Abend?
Vielleicht liegt genau darin ein Teil des Problems: Nicht, dass wir keine Fantasie mehr hätten. Sondern dass wir verlernt haben, mit Leere umzugehen.
"Mir fällt gerade nichts ein"
Das kenne ich auch von mir selbst. Manchmal hat man Zeit – wirklich viel Zeit sogar. Und statt einfach anzufangen, denkt man zuerst: Was könnte ich jetzt tun?
Genau da beginnt das Problem. Fällt einem nicht sofort etwas ein, greift man zum Handy. Kurz Instagram. Ein paar Nachrichten. Ein Video. Noch eins. Und auf einmal ist eine Stunde weg.
Man hat sich beschäftigt – aber nichts selbst gemacht.
Über genau dieses Thema haben wir schon mal geschrieben: Wie schwer es uns fällt, überhaupt eine Weile ohne Handy auszukommen, liest du in „Wie lange kannst du ohne?". Vielleicht hängt das enger mit unserer Fantasie zusammen, als man zuerst denkt. Denn Langeweile ist nicht das Ende der Unterhaltung – manchmal ist sie erst der Anfang davon.
Kinder brauchen nicht immer mehr Programm
Kinder können mit Langeweile erstaunlich viel anfangen. Wir konnten das auch mal.
Passiert nichts, springt irgendwann die eigene Fantasie an. Ein Kind braucht kein fertiges Programm, um sich zu beschäftigen. Aus einer leeren Schachtel wird etwas gebaut. Eine Geschichte entsteht. Es wird gemalt, eine Höhle gebaut, oder einfach kompletter Unsinn veranstaltet.
Und genau dieser Unsinn ist wahrscheinlich wichtiger, als man denkt. Fantasie entsteht nämlich nicht, wenn schon alles vorbereitet ist. Sie entsteht dort, wo etwas fehlt – wo wir selbst eine Lücke füllen müssen.
Vielleicht müssen wir es einfach wieder üben
Das Ganze ist vermutlich ein bisschen wie ein Muskel: Benutzt man ihn jahrelang nicht, ist man nicht plötzlich unfähig – man ist nur nicht mehr daran gewöhnt.
Ich glaube, dasselbe gilt für unsere Fantasie. Wir müssen nicht wieder zu Kindern werden und auch nicht stundenlang mit imaginären Piraten durchs Wohnzimmer rennen. Aber wir könnten wieder öfter Dinge selbst entstehen lassen: etwas bauen, ein Rätsel lösen, eine Geschichte erfinden, ein Spiel ohne kompliziertes Regelwerk anfangen. Oder mit den Kindern etwas anpacken, bei dem eben nicht alles vorgegeben ist.
Genau deshalb mag ich Dinge wie Knobelspiele oder Bausätze. Nicht, weil sie die Fantasie für uns übernehmen – sondern weil sie einen Anstoss geben. Man bekommt etwas in die Hand und muss selbst etwas daraus machen.
Bei einem Book Nook oder Miniaturhaus entsteht so Stück für Stück eine eigene kleine Welt – wie klein so eine selbst gebaute Welt wirken kann und trotzdem einen ganzen Nachmittag füllt, zeigen wir auch in „Miniaturhäuser & Dioramen: Kleine Welten für dein Zuhause".
Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr Unterhaltung. Vielleicht brauchen wir nur wieder etwas, das uns dazu bringt, selbst etwas zu tun.
Und dann sitze ich wieder da
"Papa, du bist jetzt der Zauberer."
Ich überlege kurz. Früher hätte ich sofort gewusst, was zu tun ist. Heute muss ich mich manchmal erst wieder in diese Welt hineinfinden.
Vielleicht ist das gar nicht schlimm. Vielleicht muss ich nicht perfekt spielen und nicht die beste Geschichte aller Zeiten erzählen. Vielleicht reicht es, meinem Kind einfach zu folgen.
Und wenn es dann heisst: "Nein Papa, der Zauberer macht das anders!" – dann lasse ich mich eben überraschen.
Fantasie ist wahrscheinlich nichts, das man irgendwann verliert. Sie wartet einfach nur darauf, wieder benutzt zu werden.
Und das sollten wir Erwachsenen ruhig öfter tun. Nicht nur für unsere Kinder – auch für uns selbst.